Freitag, 18. März 2016

Was ich von Facebook gelernt habe

Ja, diesen Titel meine ich ernst. Der blauweiße Monster-Konzern Facebook hat mich eine Lektion über das Leben verdeutlicht, die ich nicht vergessen möchte.

Das ganze hat mit der neusten Änderung auf der Website zu tun: 
Der neuen Variation von Reaktion-Emoticons.
Vlt. erinnerst du dich an die dunkle Zeit, in der man auf Facebook dem grausamen Klick ausgeliefert war, ein „Daumen-hoch-Gefällt-mir-Zeichen“ der Öffentlichkeit preiszugeben. Ob süße Katzenbabys, ein missglückter Stunt, verrückte Russen, ein tiefes Zitat oder das Bild eines verstorbenen Flüchtlingskindes. Einfach alles wurde mit „Daumen hoch“ bewertet. Wer kannte nicht den Gewissenskonflikt, eine schockierende Nachricht über einen Anschlag mit „Gefällt mir" zu bewerten und trotzdem diese Nachricht verbreiten zu wollen. Wieviele Kommentare habe ich gelesen: „Gefällt mir meine ich in dem Sinne, dass ich es wichtig finde, dass diese Information verbreitet wird, nicht für den Inhalt selbst“. Daumen hoch - Egal wie beschissen es dir und der Welt geht.

Clifford Nass, ein Psychologe aus Stanford, beschrieb diese rein positiv ausgerichtete „Facebook-Welt“ als problematisch: Facebook hat keinen 'Daumen-runter‘. Du kannst dich enttäuscht fühlen, wenn etwas nicht die Anzahl von positiven Reaktionen erhält wie du es wolltest, aber du trainierst dich dazu das zu posten, was den anderen gefallen wird“ (*1) 



Nass sah vor allem die Gefahr darin, dass negative Emotionen (Wut, Trauer etc.) als nebensächlich und unpassend für das erfolgreiche Leben angesehen werden. Dabei fordern gerade negative Emotionen mehr Gehirnaktivität und helfen uns, komplexe Gedankengänge durchzugehen und fördern unsere emphatischen Fähigkeiten. Nicht, dass negative Emotionen immer schön sind, aber sie gehören zu einer gesunden und realistischen Entwicklung dazu. Nass plädiert daher dazu, wieder neu zu lernen miteinander im realen Leben alle Gefühle zu kommunizieren. (*2)

Die Welt von Facebook entlockte uns einer zwiegespaltenen Welt, in der Lachen auf Tränen traf. Um dieser schwierigen Spannung zu entgehen führte man uns in eine einfachere, schönere, fröhlichere Welt. Alles in Facebook ist darauf aus, uns in den Bann zu ziehen und nicht mehr los zu lassen. Und wie sollte es besser gehen, als eine Welt wie sie sich jeder wünscht. Abgesehen von ein paar blöden Kommentaren, konnten wir ein sehr positives Bild des Lebens bekommen. Perfekte Bilder, tolles Essen und Daumen-hoch. Wir lebten in einer virtuellen Welt, in der es nur das Lächeln, die positive Energie, und den gestellten Daumen hoch gab - bis Facebook endlich merkte, dass diese Illusion nicht ausreichte, um die Realität widerzuspiegeln.

Und da kamen sie: die vielfältigen Emoticons.
Inzwischen ist es möglich sechs verschiedene Gefühle auszudrücken. Daumen-hoch, Love, Wow, Haha, Wütend, Traurig. 1/3 dieser Gefühle tragen einen negativen Beigeschmack. Und Leute fangen an sie zu selbstbewusst zu nutzen. Plötzlich konnten Trump und Afd-Links geteilt und mit Wütend-Smileys bewertet werden. Emotionen bekommen endlich wieder ihren Platz in der Welt. Oder zumindest bei Facebook. 
 
Auch wenn ich glaube, dass die Online-Welt uns auf lange Sicht eher daran hindert, miteinander wirkliche Gefühle auszutauschen und miteinander wirklich zu empfinden, so ist der Ruf nach Authentizität doch bemerkenswert. Wir wollen keine reinen Daumen-hoch-Menschen, keine positiven Gurus, die nur den Spaß im Leben sehen. Durch die Vernetzung und die vielen Krisen wissen wir, dass diese Welt kein perfektes Paradies ist. Und um in dieser Welt weise und ehrlich zu leben, brauchen wir alle Gefühle, die Gott uns mit auf den Weg gegeben hat. 

Ich als Theologe finde diese Einsicht schon in der Bibel:
„Freut euch mit den Fröhlichen, und weint mit den Weinenden“ heißt es in Röm. 12,15. 
Und der alte Prediger formuliert die alte Weisheit folgendermaßen: "Alles hat seine Zeit […] Weinen hat seine Zeit, lachen hat seine zeit, klagen hat seine Zeit und Tanzen hat seine Zeit“ (Pre. 3,4)
Diese Welt ist weder ganz Wüste noch tropischer Garten. Sie ist weitaus komplexer, wie wir es uns oft eingestehen wollen. Weder ein grinsender Friedensguru, noch ein gewaltiger Kaiser oder ein rein rationales Genie konnten diese Welt ganz von sich überzeugen. Vielleicht kann es jedoch ein liebender König am Kreuz, der all die verschiendenen Gefühle in meinem Herzen in sich vereint. Aber das ist wohl eine andere Geschichte. 

Auch wenn die Idee nicht ganz originell ist, ist Facebooks Update ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.
Ehrlich zu dem zu sein, was wir denken und fühlen. 

Jetzt müssen wir nur noch herausfinden, wie wir sie am Besten ausdrücken können.
Mal gespannt ob Facebook dafür auch etwas einfällt. Bis dahin, hocke ich gerne bei einer Tasse Kaffee und einem echten Gegenüber. Und rede über alles, was mich bewegt.

- nachfolgizo

P.S.
(*1) zitiert in Sherry Turkle, Reclaiming Conversation, The Power of Talk in a Digital Age, 41.
(*2) Ebd. 40-42.

Dienstag, 8. März 2016

Paul and the Gift #3 - Gnade, was soll das sein?


Dieser Post ist der dritte in meiner "Paul & the Gift" Reihe. Die ersten beiden findest du hier und hier.

Gnade ist wohl das Konzept, dass die christliche Kirche am meisten geprägt, herausgefordert und zerstritten hat. Wo fängt sie an und bei aller Liebe, wo hört sie auf? Wie oft bringt Gnade so manch einen Gesetzeshüter, Elternteil oder Pastor in unangenehme Situationen. Kirchen werfen mit Worten der Gnade um sich und verzagen an der zerreißenden Praxis. An vielen Meilensteinen der christlichen Geschichte, konzentrierten sich die Debatten auf dieses Wort: Gnade.
Was soll das eigentlich sein? 




Das ist eine berechtigte Frage, die Barclay in die vielen derzeitigen Diskussionen  theologischer Kreise zielgesetzt hineinwirft. Wenn Theologen wie E.P. Sanders behaupten, das radikale Gnade keine Neuerfindung des Christentums war, sondern auch schon im Judentum vorhanden war, müssten wir uns dafür nicht auf eine klare Definition von Gnade einigen können? Wir sagen: "Gnade ist unverdient oder bedingungslos", und zeigen damit nur, dass wir Gnade nur negativ, aber nicht positiv beschreiben können. Es ist als ob ich ein Pferd mit dem Satz beschreibe: Keine Kuh und auch kein Hund. Was macht Gnade zur Gnade?

Barclays Ansatz
Barclay schmeißt jedoch nicht nur mit Fragen um sich. Nach dem Studium der Kirchengeschichte, der systematischen Ansätze von Luther bis Dunn, und der frühjüdischen Literatur, nennt er sechs unterschiedliche Deutungsmöglichkeiten von Gnade. Diese von ihm genannten „Perfections of Grace“ (Perfektionen von Gnade) schließen sich nicht zwingend gegenseitig aus, sondern können auch gemeinsam in einem Konzept von Gnade auftauchen. Es ist möglich mehrere Perfektionen in sein Konzept aufzunehmen und andere als falsch einzustufen. So fasst Barclay sie zusammen:

  1. Superabundance (Überfluss)
Wer Gnade mit einem Überfluss gleichsetzt, redet oft von der schieren Größe der  Gnade, die eine Menge Fehler überdeckt. Wenn Bill Gates meinem Kinderheim in Paraguay 2.Millionen $ spendet, dann ist das ein gewaltiges Geschenk, das einfach durch seine immense Größe für sich spricht. Diese Perfektion der Gnade wird nicht an der Art und Weise des Schenkens gemessen, sondern zeigt sich in der Größe des Geschenkes. Ich glaube, diese Ausdrucksweise von Gnade ist bei den meisten Konzepten anzutreffen.

  1. Singularity (Einseitigkeit)
Gnade muss aber nicht nur groß sein, sondern für den ein oder anderen auch vollkommen gut. Die Art und Weise ist wichtig. Sie kann keine Strafen beinhalten, sondern muss aus reinem Wohlwollen entspringen und in den Fluss der liebevollen Schönheit münden. Der jüdische Philosoph Philo hatte beispielsweise eine sehr klare Vorstellung davon, dass Gott nur Gutes tun darf und kann, da er selbst vollkommen gut ist. Aber nicht nur ein 2000 Jahre alter jüdischer Denker hatte solch eine Vorstellung. Auch für viele deutsche Christen ist das Bild eines gnädigen Gottes, der dennoch straft, an Katastrophen beteiligt ist und richtet ein Widerspruch in sich. Hier sehen wir deutlich die feine Festlegung des Gnadenkonzeptes auf diese Perfektion.

  1. Priority (Priorität)
Bei dieser Ausdrucksweise spielt das Timing eine große Rolle. Nur wenn das Geschenk am Anfang einer Kette steht, also durch keinerlei vorangegangene Aktion beeinflusst wurde, ist es wirklich ein Geschenk. Wenn ich also zuvor Bill Gates ein Videogruß von den Kindern geschickte hätte, wäre sein Geschenk keineswegs seine Initiative, sondern eine Reaktion auf das Geschenk der Kinder. Heißt das aber, dass Gnade eben nicht Gnade ist, wenn Gott auf unser Handeln reagiert? Die Priorität von Gnade ist in fast allen frühjüdischen Werken wiederzufinden. Sollte uns das was sagen?

  1. Incongruity (Unstimmigkeit)
Erinnerst du dich daran, dass in der Antike das Geschenk an den jeweiligen sozialen oder gesellschaftlichen Wert/Stand angepasst wurde? Diese Perfektion von Gnade geht eben darüber hinaus. Das Geschenk wird durch keine Stellung oder Haltung beeinflusst, sondern über jeglichen Wert hinaus gegeben. Eine solche Perfektion würde das Antike Weltbild an vielen Stellen herausfordern und wie ein Pfeil die Gesellschaftlichen Gepflogenheiten ins Herz treffen. 

  1. Efficacy (Wirksamkeit)
Was ist das wohl schlimmste, dass einem Elternteil bei der Geschenkübergabe an ihren kleinen  Sohnemann passieren kann? Wenn ihr eigener Sohn das eigene Geschenk auf den Boden fallen lässt, um sich dem schöneren Geschenk von Oma zuzuwenden. Würde diese Ignoranz nicht beweisen, dass das Geschenk es nicht wert ist? Ist es dann überhaupt ein richtiges Geschenk? Die Wirksamkeit der Gnade würde bedeuten, dass das Geschenk eben das vollkommen erreicht, für was es gedacht war. Diese Kategorie spielt natürlich stark in die Debatte um Gottes Souveränität und dem freien Willen. Ein Blick in die Denker der damaligen Zeit zeigt, dass einige Juden trotz großer Diskussion diesen Punkt stark vertreten haben. 

  1. Non-Circularity (Keine Gegenleistung)
Wie im letzten Artikel gesehen, entspricht diese Perfektion wohl am meisten der modernen Auffassung eines Geschenkes. Philosophen argumentieren dafür allein für das Schenken selbst zu geben und nicht für die Reaktion des Beschenkten. Der Blick in die Antike zeigte uns jedoch, dass gerade dieser Punkt eigentlich undenkbar war. Ist es möglich das Paulus jedoch hier als Freidenker auftritt und gerade das einseitige, reine Geschenk in Gottes Gnade vermutet?

Was ist für dein Verständnis von Gnade von Bedeutung?

Das System und wir
Mit dieser Aufteilung schafft Barclay in meinen Augen etwas Gewaltiges. Die vielen Diskussionen bekommen plötzlich ein Muster. Wenn Diskussionen sich festfahren auf ein entrüstetes: "Du glaubst nicht an Gnade, weil …“, dann hat das selten damit zu tun, dass das Gegenüber wirklich nicht an Gnade glaubt, sondern vielmehr sie anders versteht.

„Wenn zwei unterschiedliche Autoren über Gnade reden, aber nicht übereinstimmen in ihrer Bedeutung oder ihren Implikationen, ist es vielleicht nicht weil der eine Gnade mehr hervorhebt oder ihre ‚wahre‘ Bedeutung mehr versteht, sondern einfach weil sie andere Facetten von Gnade perfektionieren.“ (*1)

Was haben wir nicht alles diskutiert.
Martin Luther vs. Erasmus. Die Calvinisten gegen die Arminianer. Whitfield gegen Wesley. Barclay fasst es provokant so zusammen: „Augustinus glaubte nicht mehr an Gnade als Pelagius; er glaubte einfach nur anders daran", und entfacht damit ein orthodoxes Feuer der Kirchengeschichte.  (*2) 

Penny und Sheldon, die uns aus dem ersten Artikel bekannt sind, glauben nicht mehr oder weniger an Geschenke, sie glauben nur anders daran. Während Penny also die fehlende Gegenleistung perfektioniert, macht es Sheldon in der Wirksamkeit.

Soweit so gut. Nun verstehen wir, warum wir alle diskutieren. Wir können uns endlich in die Augen schauen und nicht im Hinterkopf Blitze vom Himmel erbeten. Aber war es das? Bleiben wir jetzt einfach alle bei unseren Meinungen stehen, weil es eben keine einseitige Art und Weise gibt, Gnade zu verstehen?
Wie verstand Paulus Gnade? War es für ihn wichtig, dass sie möglichst groß sein sollte, in der Zeitleiste zuerst kommt oder durfte sie keine Gegenleistung erwarten?
Barclay hat Antworten.
Die jedoch, beim nächsten Mal.

Gnade mit euch

P.s.
(*1) Barclay, Paul and the Gift, 77.
(*2) Ebd., 77.

Dienstag, 1. März 2016

Paul and the Gift #2 - Die Geschenke der Zeiten

Dies ist der zweite Teil der Reihe „Paul and the Gift“. Den Ersten findet ihr hier.

Barclays provokante Frage trifft unsere Gesellschaft und die Kirchen des 21 Jahrhunderts in einem sehr essenziellen Punkt: Wie verstehen wir Gnade?
Da der Begriff χαρις, den Paulus hauptsächlich für die Gnade Gottes verwendet, ein allgemein gebräuchlicher Begriff für „Geschenk“ war, ist es ein entscheidender Schritt, sich die Geschenkpraxis der Antike unter die Lupe zu nehmen. 


  1. Die Antiken Barbaren
Wie ihr euch sicherlich denken könnt, war das klassisch antike Verständnis eines Geschenkes nicht so losgelöst und wunderbar selbstlos wie unser modernes Ideal. Geschenke hielten eine gewisse, fast barbarische Verpflichtung inne, in der wir kaum eine freundschaftliche Geste wieder erkennen. Geschenke waren auf Gegenseitigkeit angelegt. Geschenke machten Freunde, im wahrsten Sinne des Wortes. "Wie du mir, so ich dir“ - mal auf Geschenksprache. Von dem Beschenkten wurde erwartet, in einer angemessenen Weise auf das Geschenk zu antworten. Dennoch dürfen wir hier die Antike nicht missdeuten. Während wir uns heute vor aller Verbindlichkeit in Beziehungen scheuen, war ein solcher „Geschenkkreislauf“ deutlich von dem Handel eines Objekts zu unterscheiden. Sie stabilisierten eine Beziehung und förderten die Solidarität unter Freunden. Der röm. Philosoph Seneca beschreibt das System als ein Ball-Spiel, dessen Ziel darin besteht, den Ball (das Geschenk) allezeit im Kreis zirkulieren zu lassen.

„Ebenso wie Freunde sich in einen fortlaufenden Kreislauf von Gefälligkeiten investierten, ohne zu kalkulieren wer nun den Prozess gestartet hatte oder dem exakten Abmessen des Geschenkwertes, so gaben die griechischen Gläubigen Ehre, Dank und Geschenke an die Götter. So respektierten sie und festigten das Band des Wohlwollens zwischen ihnen, immer mit der potenziellen Gefahr im Blick, dass die Beziehung ‚schlecht‘ werden könnte“.(*1)

Diese Verpflichtung eines Geschenkes und die Erwartungshaltung einer angemessenen Antwort brachte jedoch eigene Probleme mit sich. Ein zu großzügiges Geschenk konnte den Beschenkten in eine eher unglückliche Lage versetzen, nun in einer untragbaren Schuld zu stehen. Nicht selten zerbrach manch einer unter dieser gesellschaftlichen Last. Die große Kunst bestand also darin, den Wert seines Gegenübers einzuschätzen und ihm so ein angemessenes Geschenk geben zu können, das er auch erwidern konnte. 

Aber wäre es mit so einem Erwartungshorizont nicht unmöglich, einem Bettler ein paar Münzen zu spenden? (*2)

  1. Und die Juden?
Wir wissen, dass das Judentum ein sehr klares Verständnis davon hatte, sich um die Armen der Gesellschaft zu kümmern. Nicht selten lautet einer der größten Kritikpunkte der Propheten des Alten Testaments die fehlende Fürsorge für die Witwen und Waisen. War das Judentum in seinem Geschenkverständnis so anders?

Ja und Nein.
Das frühe Judentum unterschied sich nicht grundsätzlich in der Erwartung einer Erwiderung ihres Geschenkes, sondern nur in der Modifikation ihrer Erwartungsperson. 
„Während das Geben an die Armen so eng mit religiöser Frömmigkeit verbunden war, konnten Geber und Empfänger die Wohltat als etwas sehen, dass seine größte Erwiderung nicht vom menschlichen Empfänger sondern von Gott selbst erhält.“ (*3)

Ich weiß nicht, ob ich es einen schlauen Taschenspielertrick nennen soll, oder eine angemessene Interpretation: Ein religiöser Jude erwartete ebenso eine Erwiderung seines Geschenkes wie ein römischer Staatsmann, allerdings nicht von dem Beschenkten, sondern von seinem Gott, Jahwe. 

Was wir also finden ist
1. eine allgemeine Praxis der Verbindlichkeit,
2. der Beziehungsförderung und
3. der Erwartungshaltung des Schenkenden,
     die jedoch je nach Weltanschauung und Philosophie variiert wurde.

     3. Die westliche Geschichte 

Während schon die griechischen Philosophen höhere Ideale in einem Geschenk vermuteten, machte das westliche Denken überaus große Sprünge. Barclay schafft es hier einen sehr lesenswerten Überblick über die philosophische und sprachliche Entwicklung des 'Geschenkes' zu liefern. Ich möchte mich hier auf zwei besondere Personen beschränken: 
Die aufkommende Idee eines reinen selbstlosen Ideals findet sich laut Barclay erstmals ausformuliert in den Schriften des großen Immanuel Kants. Die eigene moralische Vollkommenheit und das Glück des Anderen wurden zu den höchsten Idealen, die um ihrer selbst willen angestrebt werden sollten. Der Gedanke jmd. gegenüber wohlwollend zu sein und eine Gegenleistung für das eigene Glück zu erwarten, scheint dem idealistischen Philosophen vollkommen fremd.
Doch die Geschichte geht noch weiter. Wir Europäer wollten uns noch weiter von dem barbarischen Erbe lösen. Daher kommt der Philosoph Jacques Derrida zu folgendem Ergebnis: "Damit ein Geschenk sein kann, darf keine Gegenleistung, keine Erwiderung, kein Austausch oder Schuld stattfinden. Wenn der Andere mir etwas zurückgibt oder mir etwas zurückgeben muss, war es kein Geschenk…“ (*4)

Willkommen im modernen Westen. Wir finden uns wieder bei dem Unverständnis von Penny und Leonard gegenüber Sheldons Gesellschaftskritik. Alles wegen ein paar Philosophen. Ihr merkt sicher die große Diskrepanz zwischen der Antike und dem modernen westlichen Denken. Dies wird wunderbar von Mary Douglas zusammengefasst:

„Schon die Idee eines reinen Geschenks ist ein Widerspruch. Indem wir den universellen Gebrauch von verpflichtenden Geschenken ignorieren, machen wir unsere eigene Erfahrung für uns selbst unverständlich: Überall auf dem Globus und so weit wir in die Geschichte der menschlichen Zivilisation zurückdenken können bestand der größte Teil von Güterverkehr aus Kreisen von verbindlichen Erwiderungen von Geschenken“ 

Da ist es.
Unser humanes Ideal vom Selbstlosen Geschenk zerplatzt in dem Dunst des 19. Jahrhunderts und lässt uns auch heute mit unbewussten Fragen und Zweifeln zurück. Irgendwie passt unser schönes Ideal nicht zu unseren täglichen Erfahrungen. Muss ich was zurück schenken? Und wenn ja, wieviel? 
Und plötzlich scheint ein Sheldon Cooper durchaus lebensnäher zu sein, als ein deutsche Philosoph, der niemals sein Heimatdorf verlassen hat.

Die spannende Frage ist natürlich: Was fangen wir mit diesen unterschiedlichen Auffassungen an? Ist vielleicht Gottes Gnade auch eine indirekte Aufforderung zu antworten und in eine feste Beziehung mit ihm zu treten?
Und wie kann uns diese Erkenntnis dabei helfen, Paulus und sein Gnadenverständnis neu zu verstehen? 

Wir werden sehen.


Das nächste Mal: Die 6 unterschiedlichen Auffassungen von Gnade

P.s.
(*1) Barclay, Paul and the Gift, 28.
(*2) Schon die antiken Philosophen wie der eben erwähnte Seneca reflektierten viel über diesen Erwartungshorizont und hielten es sogar für möglich, dass ein halb-ernst gemeintes „Dankeschön“ auch schon als Gegenleistung dienen könnte. Weitere Ausführungen würden hier jedoch den Rahmen sprengen. Mehr dazu auf Barclay, Paul and the Gift, 45-50.
(*3) Barclay, Paul and the Gift, 43. Von der besonderen Zuwendung ist auch schon an vielen Stellen im AT zu lesen. Bsp. 5Mo 14,29; 24,13.
(*4) Barclay, Paul and the Gift, 62.
(*5) Douglas, Introduction to Mauss, The Gift, p.x.

Dienstag, 23. Februar 2016

Paul & the Gift #1: Das Geschenke-Problem

Eine der wohl am best gezeichneten Persönlichkeiten der Filmgeschichte in ist meinen Augen Sheldon Cooper, aus „The Big Bang Theory“, gespielt von Jim Parsons.
Dieser rein rationale und geniale Physiker tut sich, aufgrund seiner fehlenden sozialen Kompetenz, außerordentlich schwer mit sozio-kulturellen Gepflogenheiten und „gesellschaftlichen Konventionen", 
wie z.B. dem Trösten eines Freundes, einer Umarmung oder eben der „Geschenke-Kultur“.

(*1)


Vor allem letzteres bereitet ihm im Laufe der Serie immer wieder große Probleme.
Geschenke müssen letztlich immer mit etwas Gleichwertigem beglichen werden.
Ein reines Geschenk, dass keine Gegenleistung erwartet, macht in seinem Kopf absolut keinen Sinn. 
Mit seinem Unverständnis stößt er natürlich auf ein verbreitetes westliches Verständnis eines Geschenkes, dass auch in der Kirche seinen Raum gewonnen hat:
Ein wahres Geschenk ist nur dann wahrhaft ein Geschenk, wenn es keine Gegenleistung erwartet. 
Sonst ist Gnade eben nicht Gnade. Oder? 

Der Neutestamentler John Barclay möchte in seinem neu erschienen und hochgepriesenem Buch „Paul & and the Gift“, Menschen wie Sheldon Cooper ernst nehmen, und fragt: Ist das wirklich so?
Woher nehmen wir denn die Behauptung, dass ein wahres Geschenk oder echte Gnade immer einseitig sein muss? Darf reine Gnade keine Gegenleistung erwarten?
Wie definieren wir eigentlich Gnade?



Mit dieser Frage trifft Barclay ins Herz der vielen Diskussionen, die um dieses Thema von Beginn der Christenheit bis in die neue Zeit geführt werden.
Barclay schafft es in seinem Buch einen unglaublich präzisen und äußerst empfehlenswerten Überblick über die Entwicklung der neutestamentlichen Forschung zu geben, angefangen beim Kirchenvater Augustinus und dem Ketzer Marion, bis hin zur aktuellen Debatte um die sog. „Neue Paulusperspektive“, vertreten von J.D.G. Dunn und N.T. Wright.
Wer einen guten Überblick über die Debatte und die Kernaussagen der einzelnen Vertreter sucht, findet hier eine wahre Goldgrube von präzisen und von hohem Wissen gespeisten Aussagen.

Barclays Ziel dabei ist, Paulus in seinem Gebrauch vom Wort Gnade/Geschenk (im gr. χαρις/karis) in seinem Kontext und seiner Anwendung klar zu verstehen
UND unterschiedliche Schwerpunkte eines Gnadenverständnisses ('Perfections of grace') klar zu definieren.
Vor allem letzteres ist der wohl bedeutendste Beitrag zu der theologischen Debatte.
Eins ist ihm und dem Leser jedoch schon nach wenigen Sätzen klar.
Das Verständnis von einem Geschenk bedeutete zu damaligen Zeit etwas drastisch anderes, wie in unserer westlichen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts. 
Etwas, das mehr dem Konzept von Sheldon Cooper gleicht:

„Ein modernes westliches Wörterbuch schreibt, dass ‚Geschenk‘ bedeutet, dass etwas 'gratis, ganz umsonst‘ übergeben wird. Aber schon das kleinste Wissen der Antike würde uns darüber informieren, dass Geschenke mit einer starken Erwartung auf eine angemessene Antwort übergeben wurden - ja, genau dafür, um eine Antwort zu entlocken und dadurch eine soziale Solidarität zu schaffen oder zu fördern“ (*2)

Wie steht also Paulus zu diesem Konzept? 
Bricht Paulus mit dem kulturellen Gedankengut seiner Zeit oder stimmt er sogar in entscheidenden Punkten mit ihm überein? 
Hat am Ende Sheldon Cooper Recht und verlangt ein göttliches Geschenk auch eine Antwort oder gibt es da mehr Facetten als wir zunächst denken?

Auf diesem Blog wird nun alle paar Tage ein neuer Artikel erscheinen, der es dir ermöglichen soll, Barclays gewinnbringenden Ansatz in seinen Grundzügen zu verstehen. 
Viele kleine Nuancen und tiefe Einsichten müssen dabei leider ausbleiben.
Aber es wäre schade, wenn Barclays toller Ansatz jedem verschlossen bliebe, der nicht Zeit und Geld investieren kann dieses wundervolle Buch zu lesen.

Wenn du also mehr über das Gnadenverständnis von der Antike, Paulus, verschiedenen Auslegern, dem neuen Ansatz von Barclay und meiner bescheidenen Kritik dessen erfahren möchtest, dann schau doch in nächster Zeit hier rein. 
In wenigen Tagen folgt: Paul & the Gift #2: Das Geschenkverständnis der Antike.
Nicht nur für die Sheldons unter uns interessant.

Bis dahin.
Gnade mit euch.

- nachfolgizo

(*1) Das Bild entstammt https://www.flickr.com/photos/blocmat/5715212041 und ist zur Weiterverwendung geeignet.
(*2) Barclay, John, Paul and the Gift, Michigan, 2015, S. 11.

Donnerstag, 7. Januar 2016

Leiter und die vergessene Aufgabe der Barmherzigkeit

Heute gibt es nicht viel von mir.
Aber dafür viel von Henry Nouwen, einem katholischen Priester.
Er hat so einige wundervolle Sachen geschrieben, z.B. "The Wounded Healer".
In diesem Werk reflektiert er über die Eigenschaften geistlicher Leiter,
die für eine moderne Gesellschaft vonnöten sind.
Und inmitten seiner Ausführungen ertappe ich mich und meine eifrige Generation und muss mich schuldig bekennen.
Ich sehne mich nach mehr Professionalität und bin mir meiner fehlenden Kompetenz in dieser verstrickten Gesellschaft und ihren komplexen Fragen deutlich bewusst.
Aber inmitten meiner Selbstzweifel und Unzulänglichkeit, vergesse ich so schnell den Auftrag, der mir ohne Diskussion gegeben ist: Die Herausforderung der Barmherzigkeit.



Lasst euch mit mir überführen:

„Aber wir müssen uns hier der großen Versuchung bewusst werden, 
der sich jeder christliche Leiter der Zukunft stellen muss. 
Überall sind Christliche Leiter, Frauen wie Männer, 
sich der Not nach mehr Training und Bildung bewusst geworden.
Diese Not ist realistisch, und der Wunsch nach mehr Professionalität im geistlichen Dienst ist verständlich. 
Aber die Gefahr besteht, dass statt einer gewonnenen Freiheit, die hilft den Geist wachsen zu lassen,
der zukünftige Leiter sich selbst verstricken lässt in die Komplikationen seiner eigenen angenommenen Kompetenz und er seine (fehlende) Spezialisierung als Entschuldigung gebraucht, die viel schwierigere Aufgabe zum umgehen: Barmherzig zu sein.
Die Aufgabe des christlichen Leiters ist es, das Beste im Menschen hervorzubringen und ihn in eine menschliche Gemeinschaft zu führen;
Die Gefahr ist, dass sein fähiges diagnostizierendes Auge immer mehr zu einem Auge wird, 
dass fern und analysierend ist, statt barmherzig.
Wenn Priester und und zukünftige Leiter denken, dass mehr Skill-Training die Lösung für christliche Leiterschaft in unserer Zukunft ist, dann könnten sie in größerer Frustration und Enttäuschung enden, wie die Leiter heutzutage. 
Mehr Training und mehr Struktur sind immer vonnöten, so wie das Brot für die Arme. 
Aber ebensowenig wie Brot ohne Liebe einen Krieg hervorbringen kann statt Frieden, 
wird Professionalismus ohne Barmherzigkeit Vergebung in einen Kunstgriff verwandeln und das Königreich in eine Augenbinde“ (Pos. 561-568)

Vielleicht heißt es also wieder neu für mich:
Meine Unzulänglichkeit und fehlende Kompetenz nimmt mir nicht die Aufgabe von den Schultern Barmherzig zu sein. Treu sein in dem, was ich jederzeit tun kann -
Das ist vlt. die größte Tugend die ich und meine Generation in all unserem Wissen, wie es besser hätte gehen können, neu schätzen lernen, müssen.

- nachfolgizo
P.s.
Zitat wurde von mir übersetzt und ist entnommen aus Henry Nouwen, The Wounded Healer. Ministry in Contemporary Society, 1979.
Inhalte in Klammern wurden von mir eingefügt.